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Im Getto – Von einer kriminellen Jugendclique zur reflektierten Community

Monzer Dodar und Bianca Giese

 

Überblick
Die betroffene Wohngegend in der dänischen Stadt Odense stand schon lange auf der„Getto-Liste“ der Stadt. Dort wohnen vor allem Familien mit niedrigem Einkommen, ein Großteil von ihnen hat einen Migrationshintergrund. Neben Familien leben hier auch viele ältere Mitbürger:innen. Eine Zeit lang war die Gegend von großer Unsicherheit geprägt, verursacht vor allem durch eine Gruppe männlicher Jugendlicher, die ein Leben am Rande der Gesellschaft gewählt hatten.
2018 begannen wir, mit einer ausgewählten Gruppe von Jungen im Alter von 14 bis 17 Jahren zu arbeiten, die (immer noch) in dieser Gegend wohnen. Es handelte sich um junge Kleinkriminelle mit gewaltbereitem Verhalten, von denen sich einige Bewohner bedroht fühlten. Diese Jungen nahmen an keinen betreuten Freizeitmöglichkeiten teil, sondern hatten sich entschieden, Teil der kriminellen Straßengangs zu sein.
Die örtliche Wohnungsbaugesellschaft wollte die Gegend wieder für alle sicher machen und initiierte eine Zusammenarbeit mit der lokalen Jugendschule „UngOdense“. Auch diesen jungen Männern sollte Persönlichkeitsentwicklung ermöglicht werden. Sie sollten gestärkt und befähigt werden, für ihr Leben und ihren Platz in der Gesellschaft zukünftig bessere Entscheidungen zu treffen. Das Ziel war, den Jugendlichen zu helfen, ein positives Selbstbild und eine positive Selbstdarstellung von sich zu entwickeln und ein gutes Team zu werden.

 

Thema
Die Jugendlichen trafen sich bereits seit dreieinhalb Jahren einmal pro Woche mit ihrem Mentor. Sie hatten in zahlreichen teambildenden Maßnahmen viele Fähigkeiten entwickelt und Kommunikationsfähigkeit und weitere soziale Skills rund um die Themen Team und Vertrauen aufgebaut. Inzwischen kannten sich die Jungs gut, gingen loyal miteinander um und passten aufeinander auf.
Die jungen Männer haben nichtdänische ethnische Hintergründe und wurden in einem kulturellen Kontext erzogen, in dem nur der persönliche Erfolg im Leben zählt. In einer solchen Ich-bezogenen Kultur wurde den Kindern beigebracht, dass sie jede erdenkliche Möglichkeit für ihren eigenen Vorteil nutzen sollten. Das ist das genaue Gegenteil von der dänischen Wir-bezogenen Kultur, in der Zusammenarbeit und Denken im Team als Weg des Erfolgs gefördert werden. Diese dänische Sozialkultur begegnet den jungen Leuten sowohl in der Schule als auch später bei der Arbeit. Somit war es für ihr eigenes erfolgreiches Fortkommen und für den Erfolg dieses Projekts wichtig, dass sie lernen, mit anderen zu kooperieren.

 

Setting
Bevor wir anfingen, mit der Gruppe mit METALOG® training tools zu arbeiten, hatte sich die Gruppe bereits über einen längeren Zeitraum regelmäßig getroffen. Die Treffen fanden in einem eigens für die Gruppe geschaffenen Raum in ihrer Wohngegend statt. Zeit und Ressourcen wurden investiert, um aus dem Treffpunkt ihren Raum zu machen. Anfangs lag der Fokus darauf, dass sich zwischen dem Mentor und der Gruppe Vertrauen entwickelte, zum Beispiel bei den gemeinsamen Mittagessen jeden Dienstag.
Die Gruppe fühlte sich also schon wohl und sicher, als wir ihnen METALOG Tools mitbrachten und begannen, etwas fokussierter mit ihnen zu arbeiten. Sie waren es schon gewohnt, nach einer gemeinsamen Aktion zu reflektieren und die Geschehnisse auszuwerten.

 

Tower of Power
a. Durchführung
Als die Jugendlichen das erste Mal den Tower of Power sahen, waren sie sehr skeptisch und konnten keinen Sinn in dem Lernprojekt sehen. Die Aufgabe schien ihnen einfach zu kindisch. Wir versuchen immer, den Jugendlichen auf Augenhöhe zu begegnen, wertschätzen ihre Perspektive und bringen unsere Erfahrungen mit ins Spiel. So erklärten wir, dass wir anfangs genauso skeptisch gewesen waren wie sie jetzt. So gelang es uns, Schritt für Schritt ihren Widerstand abzubauen.

 

b. Verlauf
Da sie ihrem Mentor und Lehrer vertrauten, wollten sie das Experiment dann doch ausprobieren. Sie fanden schnell heraus, dass es nicht so einfach war, wie sie es sich vorgestellt hatten. In der ersten Runde versuchten sie es ohne Intervention von unserer Seite. Aber der Frust nahm schnell überhand und sie begannen sich zu streiten, sich gegenseitig zu beschuldigen und gegeneinander zu arbeiten.
Wir unterbrachen die Übung und reflektierten mit ihnen ihr Verhalten. Wir fragten sie, was in ihren Augen schiefgelaufen war und was sie wohl brauchen würden, um die Aufgabe erfolgreich zu lösen. Zu Beginn beschuldigten sie sich gegenseitig und sahen nicht, was jeder Einzelne zum Misserfolg beigetragen hatte.
Nach einiger Zeit konnte ein paar von ihnen nachvollziehen, dass ihre Kommunikation nicht gut lief. Sie wollten es noch einmal probieren und sich dabei gegenseitig gut zuhören. Sie versprachen, sich nicht gegenseitig zu unterbrechen und gemeinsam aktiv mitzuarbeiten.
Auch beim zweiten Anlauf lief noch nicht alles rund, aber die jungen Männer verbesserten ihre Zusammenarbeit und hörten sich allmählich besser zu. Manchmal arbeiteten sie noch gegeneinander, hatten aber kaum noch Konflikte.
Dann fiel der Tower of Power erneut um. Wieder unterbrachen wir den Prozess und ließen die Jungs reflektieren. Sie bemerkten, dass die Bauteile verschiedenartig waren: gerade und schräg. Und ihnen fiel auf, dass möglicherweise die schrägen Bauteile nicht so gut als Basis geeignet waren. Überhaupt wurde ihnen bewusst, wie wichtig das Fundament ist.
Wir unterbrachen die Gruppe noch mehrfach und sie erlebten sehr konkret, was es wirklich bedeutet, erfolgreich zusammenzuarbeiten. Für sie war dieser Weg, Zusammenarbeit zu lernen, sehr viel effizienter als es bisher in Vorträgen möglich gewesen war.

 

c. Abschluss
Schlussendlich bestimmte die Gruppe einen Jugendlichen, der die Führung übernehmen sollte. Das war gar nicht so einfach. Denn es braucht viel Mut, den anderen zu sagen, was sie tun sollen! Im Nachhinein wurde aber allen klar, dass diese Art der Lösung für sie die beste war. Nun machten sie sich an die Aufgabe, den Turm ganz fertig zu bauen. Als das gelang, war die Gruppe sehr stolz!

 

d. Reflexion
Die Lesson learned war, dass die Gruppe viel mehr erreichen kann, wenn sie sich gegenseitig helfen. Der Turmbau machte sie glücklich und motivierte sie, mehr über Zusammenarbeit und Kommunikation zu lernen.
Bei späteren Gesprächen und Diskussionen konnten wir uns immer wieder auf die Erfahrungen beim Turmbau beziehen. Die Jugendlichen berichteten, dass sie dieses positive Erlebnis auch im Schulkontext gewinnbringend für sich nutzen konnten. Das Aha-Erlebnis dabei war, dass jeder Einzelne für den Erfolg der Gruppe wichtig ist – dass man sich nicht einfach nur zurücklehnen und passiv zusehen kann.
Auch, als es um Themen wie Ausbildung, Jobs oder andere Zukunftschancen ging, bezogen wir uns immer wieder auf den Tower of Power. Wir wollten, dass den Jugendlichen deutlich wird, dass im Leben wie beim Turmbau das Fundament stabil sein muss. Und dass, auch wenn Bauteile immer wieder umfallen, es sich hierbei um ganz normale Herausforderungen des Lebens handelt, denen wir mit Durchhaltevermögen oder Kreativität erfolgreich begegnen können.
Die Gruppe war begeistert vom Tower of Power und sprach selbst immer wieder davon. Die jungen Männer nutzten diese Erfahrung sogar, um ihre Präsentationsfähigkeiten zu üben, indem sie abwechselnd das gesamte Programm und das, was sie gemeinsam gelernt hatten, vor den anderen referierten. Der Begriff Zusammenarbeit bekam eine komplett neue Bedeutung für sie und wurde zum Schlüsselelement, um erfolgreich Teil einer positiven Gemeinschaft zu werden.

 

Team²
a. Durchführung
In einem nächsten Schritt trainierten wir die Teamfähigkeiten der Jungen mit dem Team². Dieses Tool unterscheidet sich stark vom Tower of Power, erfordert aber dasselbe Verständnis von Gruppendynamik und Zusammenarbeit.
Zu Beginn der Übung hatten wir die Gruppe zweigeteilt, sodass jeweils acht Jungen an einem Tisch arbeiteten. Wir verteilten jeweils die Teile von acht Quadraten und gaben dann eine kurze Anweisung: „Jeder baut sein eigenes Quadrat. Ihr seid fertig, wenn alle ihr eigenes Quadrat gebaut haben. Ihr dürft nicht miteinander reden, während ihr das Rätsel löst …“

 

b. Verlauf
Bei ihrem ersten Versuch stürzten sich beide Gruppen eifrig auf die Aufgabe. Ein paar der Jungen bauten schnell ihre eigenen Puzzles zusammen und lehnten sich dann zurück, um die anderen zu beobachten. Naturgemäß konnten die meisten die Aufgabe nicht lösen. Nach einer Weile brachen wir die Übung ab, damit die Jungen über ihre Erfahrungen und Beobachtungen nachdenken konnten.
Sie kamen zu dem Schluss, dass es unmöglich war, die Aufgabe zu lösen: Es gab nicht genug Teile für alle. Sie waren überzeugt, dass es sich um eine Falle handelte und wir sie auf den Arm nahmen. Sie waren verärgert und fanden die Aufgabe lächerlich. Wir versicherten ihnen hingegen, dass die Aufgabe lösbar sei und sie sich gegenseitig helfen müssten, um eine Methode zu finden, die für alle funktioniert.
Sie unternahmen einen zweiten Versuch. Aber mit dem gleichen Ansatz waren wieder einige von ihnen in wenigen Minuten fertig, und die anderen ärgerten sich, weil sie nicht genügend Teile hatten. Wir ließen sie weitermachen, ohne sie zu unterbrechen.

 

c. Abschluss
Plötzlich warf einer der Jugendlichen alle seine Teile zurück auf den Tisch. Es war, als ob sie plötzlich den Sinn der Übung verstanden hätten, und sie begannen von vorne, diesmal mit einem neuen Ansatz.
Sie erlebten tatsächlich, dass jeder sein Quadrat zusammensetzen kann, wenn er den anderen hilft. Es wurde deutlich, dass die Gruppe erst dann fertig war, wenn alle fertig waren – dass sie ihr Ziel nur erreichen konnten, wenn sie auf die Bedürfnisse der anderen achteten. Sie mussten bereit sein, ihre Teile abzugeben oder auszutauschen.

 

d. Reflexion
Im anschließenden Reflexions- und Feedbackprozess wurde deutlich, dass der Einzelne manchmal etwas für den Erfolg der Gruppe opfern muss. Die Jungen hatten tatsächlich erfahren, zusammenzuarbeiten, das Ganze zu sehen und sich gegenseitig zu helfen.
Außerdem war die scheinbare Stagnation der Übung eine Herausforderung gewesen. Es war frustrierend, dass sie nicht miteinander reden konnten, und sie wünschten sich Aktivitäten mit mehr Action und körperlicher Anstrengung. Nach einigen weiteren Überlegungen und Diskussionen begannen sie jedoch, die Kraft der Vertiefung zu verstehen. Sie entdeckten, dass sie Erfolg haben würden, wenn sie sich mehr Zeit ließen, sich erst einen Überblick verschafften, mit ihrer Körpersprache kommunizierten und sich weniger auf persönliche Ergebnisse konzentrierten.
In unseren Gesprächen mit den Jugendlichen nach den Übungen brachten sie in ihren eigenen Worten zum Ausdruck, dass sie die Bedeutung und die Kraft der Zusammenarbeit kennengelernt hatten und was es bedeutet, Teil eines Teams zu sein. Außerdem hatten sie die Erfahrung gemacht, dass sie eine Führungsrolle übernehmen können, dass aber zugleich niemand entbehrlich ist und dass es in Ordnung ist, auch mal einen Schritt zurückzutreten.
Für die Jugendlichen war es ein besonderer Erfolg, dass sie eine Aufgabe, die sie für unmöglich gehalten hatten, erfolgreich bewältigen konnten. Und sie haben am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, hartnäckig ein Ziel zu verfolgen.

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Tags: Jugendarbeit, Jugendkriminalität, Team², Tower of Power

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