von Michael Kobbeloer
»Das geht doch nicht!« – hören wir immer wieder von Trainer:innen, die mit erfahrungsorientierten Lernprojekten arbeiten, wenn die Frage aufkommt, ob man die Tools auch in großen Gruppen einsetzen kann. Dabei gibt es zahlreiche METALOG® Tools, mit denen man genau das hervorragend tun kann. Welche Lernprojekte das sind und worauf es bei ihrer Inszenierung, Durchführung und Bedeutungsgebung ankommt, erfahrt ihr in diesem Beitrag.
Ein Auftrag in Davos: ein Lernprojekt für 80 Teilnehmende
Vor zwei Jahren erhielten wir einen spannenden Auftrag: Ein Schweizer Unternehmen aus dem Medizinsektor suchte für das jährliche Medicalboard – eine Info- und Netzwerkveranstaltung für die CEOs aller Partnerunternehmen – im traumhaften Davos eine sinnvolle Aktivierung der 80 Teilnehmenden. Ziel war es, dem CEO den metaphorischen „roten Teppich“ auszurollen, auf dessen Basis er seine gesamte Agenda für den Tag aufbauen konnte. Und dafür sollte im Rahmen des Lernprojekts das Thema „Netzwerkressourcen“ abgebildet werden. Eine echte Lernerfahrung im straffen Zeitplan der Gesamtverantstaltung – eine echte Herausforderung.
Wir setzten schließlich das Tool „Tower of Power Mini“ ein und verteilten jeweils drei der sechs Klötze auf einzelnen Gruppenarbeitstischen. Die restlichen 30 Klötze aller zehn Tower of Power Mini standen an einer Seite des Raums verteilt. Die Aufgabe war es, die Ressourcen des jeweils eigenen Unternehmens zu nutzen, um einen möglichst hohen und sicheren Turm zu bauen – und sich gleichzeitig weitere benötigte Ressourcen aus dem gemeinsamen Pool zu holen. Dabei war natürlich darauf zu achten, wie sich alle organisieren, welche Ressourcen wirklich benötigt werden und wie es auch gelingen kann, andere Gruppen zu unterstützen – eine anspruchsvolle Aufgabe.
Anschließend werteten wir das Lernprojekt im Rahmen eines Gallery Walks mit unterschiedlichen Fragen aus. Der CEO hatte danach die Möglichkeit, mit den gewonnenen Erkenntnissen weiterzuarbeiten. Die Teilnehmenden erlebten also eine Interaktionsmetapher, die genau das abbildete, worum es bei ihnen aktuell ging: die erfolgreiche Nutzung von Netzwerkressourcen.
War das Lernprojekt erfolgreich? Ein Folgeauftrag sagt mehr als tausend Worte. Wir erhielten die Folgebuchungen für das darauffolgende Jahr in Berlin (Tool: Domino mit 100 Teilnehmenden) und für 2024 in Athen. Klar ist: Die 60 Minuten Lernprojekt haben unser Trainerteam das Sechs- bis Zehnfache an Vorbereitungszeit gekostet. Aber was genau sind die Erfolgsfaktoren für solche XXL-Lernprojekten?
Was ist eigentlich eine Großgruppe?
Eine Großgruppe in Trainingskontexten umfasst üblicherweise mehr als 20 Teilnehmer:innen und kann je nach Auftrag bis zu mehrere Hundert Personen umfassen. Im Gegensatz zu „normalen“ Seminargruppen, die in der Regel aus bis zu 16 Teilnehmenden bestehen, erfordert das Arbeiten mit Großgruppen spezifische Methoden, besondere organisatorische Rahmenbedingungen und eine intensivere, detaillierte Vorbereitung.
Erfolgsfaktoren beim Arbeiten mit Großgruppen
Erfahrungsorientiertes Lernen in Großgruppen bietet die Möglichkeit, komplexe dynamische Prozesse sichtbar zu machen und gemeinsam zu reflektieren. Die Arbeit mit Großgruppen stellt jedoch auch besondere Anforderungen an Trainer:innen und die Organisation des Trainings. Wichtige Aspekte sind hierbei:
Raum und Raumgröße: Der Raum muss ausreichend groß sein, um den Teilnehmer:innen genügend Bewegungsfreiheit zu bieten. Ein großzügig bemessener Raum ermöglicht es, verschiedene Übungsbereiche zu schaffen, ohne dass sich die Gruppen gegenseitig stören.
Akustik und Beschallung: Die Akustik eines Raums ist entscheidend für die Verständlichkeit von Inszenierungen und Diskussionen. Bei Großgruppen ist der Einsatz von Beschallungsanlagen unerlässlich. Mikrofone und Lautsprecher sollten strategisch platziert werden, um eine gleichmäßige Schallverteilung zu gewährleisten und sicherzustellen, dass alle Teilnehmenden gut hören können.
Anzahl der Trainer:innen: Je nach Größe der Gruppe und Komplexität der Übungen sollte die Anzahl der Trainer:innen angepasst werden. Für Großgruppen empfiehlt sich ein:e Trainer:in je 15 bis 30 Teilnehmer:innen. Dies ermöglicht es, kleinere Subgruppen effektiv zu betreuen und sicherzustellen, dass alle Teilnehmenden individuelle Unterstützung erhalten können.
Pausenzeiten: Die Pausen sollten länger als üblicherweise eingeplant werden, da es einen großen Unterschied macht, ob 50 oder 100 Leute am Buffet anstehen oder aufs Klo müssen. Pausenzeiten unter 30 Minuten funktionieren in Großgruppen in der Regel nicht und sorgen für Zeitstress.
Einsatz von METALOG Tools in Großgruppen
Die folgenden Tools lassen sich sehr gut in Großgruppen einsetzen:
Pipeline: Untergruppen mit je ca. zehn Teilnehmenden sind möglich, es braucht viel Platz, optimal ist ein Außengelände. Ergänzend können verschiedene Kugeln als Metaphern eingesetzt werden wie Styroporkugel, Holzei, Tischtennisball, Schaumstoffball etc.
Tower of Power Mini oder XXL: Je nach Metapher und Inszenierung ist der Einsatz beider Ausführungen möglich. Gut geeignet für Themen wie Projektmanagement, Netzwerken, komplexe Strategien, mehrere Standorte etc.
CultuRallye XXL: Hier ist auf die genaue Vorbereitung des Raums und die exakte Reihenfolge der Tische und Spielanleitungen zu achten. Nach der siebten Anleitung muss es mit der ersten Anleitung aus dem nächsten Set in einer getrennten räumlichen „Insel“ wieder losgehen. Die Co-Trainer:innen sollten auf den richtigen Wechsel der Teilnehmenden achten.
DominoEffect: Je nach Inszenierung, Dauer und Komplexitätsgrad der Dominowelt benötigt man für eine 20-Minuten-Inszenierung ca. 100 Steine für drei bis vier Teilnehmende.
SysTeam: Bei Großgruppen habe ich schon mit max. zwölf Teilnehmenden je Tisch gearbeitet. Etwas eng, aber es geht. Co-Trainer:innen können jeweils bis zu vier SysTeams gut im Blick behalten.
Auch viele andere Tools funktionieren, wenn man z. B. eine agile Arbeitswelt, Projektarbeit oder Ähnliches darstellen will und Personen, Material (z. B. Kugeln, Bälle), Ressourcen (wie z. B. Pipeline-Röhren) unter den Teams während der Durchführung wechseln will. Beispiele sind PerspActive, Flottes Rohr und Balltransport. Diese Tools sind jedoch hinsichtlich der Gruppengröße eingeschränkt. Wir empfehlen sie bis maximal 100 Teilnehmende.
Tipps und Tricks für „richtig große“ EOL-Lernprojekte
Wenn du eine Großgruppe schlecht moderierst und ein Lernprojekt gegen die Wand fährst, weil du es nicht gut vorbereitet hast, tut das bei 50, 100 oder 500 Teilnehmenden deutlich mehr weh als in einer kleinen Runde.
Folgende Erfahrungswerte in den drei Phasen der METALOG Methode können dir helfen:
Inszenierung:
Nutze eine Beschallungsanlage, damit alle alles hören können.
Stehe als Moderator:in möglicherweise etwas höher, um den Kontakt zu ermöglichen.
Visualisiere die Regeln via Beamer oder an mehreren Orten. Ein Chart reicht nicht aus, nutze auch Stoffcharts.
Erkläre die Regeln genau und bereite die Inszenierung noch präziser vor als sonst. Jede Nachfrage kostet möglicherweise mehr Zeit als erwartet.
Demonstriere die Durchführung so, dass alle es sehen können. Möglicherweise machen die Co-Trainer:innen auch parallel mit – ähnlich wie bei den Sicherheitshinweisen im Flugzeug.
Setze auf eine starke Metapher sowie ein gutes Storytelling und Pacing, um alle mitzunehmen. Auch mögliche „Aussteiger:innen“ müssen gut abgeholt werden. Je größer die Gruppe, desto mehr Teilnehmende suchen gerne mal Nebenschauplätze.
Durchführung:
Weise die Co-Trainer:innen gut ein und besprich mit ihnen alle möglichen Eventualitäten und Handlungslösungen.
Behalte den Überblick, die Details können andere regeln.
Setze klare Interventionszeichen ein wie eine große Glocke oder einen Gong (auch digital).
Reflexion:
Bereite die Auswertung sehr gut vor.
In der Regel funktioniert keine Auswertung über Zuruf durch Teilnehmende und Notieren durch den:die Trainer:in wie im klassischen Setting auf Flipchartpapier.
Finde kreative Auswertungsmethoden für die drei Phasen:
Phase 1: Erleben des Lernprojekts
Murmelgruppen, Sammeln auf thematischen/farbigen Moderationskarten, die vorher auf den Plätzen oder Gruppentischen liegen oder so vorbereitet sind, dass sie sofort verteilt werden können. Immer Marker dabei haben, Anpinnen an große Flächen (Metaplanwände, Fenster, freie Flächen). Der Boden ist ungeeignet, da dort nicht alle alles sehen und lesen können. Nutze Walk-2-talk und Gallery Walk mit vorbereiteten Fragencharts.
Phase 2: Relevanz des Erlebten für den Alltag
Murmelgruppen und kleine Gruppen für den Austausch, woher die Teilnehmenden das Erlebte aus der Praxis kennen. Die Übertragung in die echte Welt kann auch mit kreativem Visualisierungsmaterial gestaltet und abgebildet werden.
Phase 3: Bedeutung und Folgen für den Alltag
Je nach Ziel können hier kleine Arbeitsgruppen gebildet werden, die einzelne Ergebnisse in konkrete Arbeitsschritte im Alltag umwandeln. Es kann aber auch eine Einzelarbeit sein, z. B. bei Führungskräfteworkshops, bei denen sich jede Führungskraft mit ihren Werten, Emotionen oder Bedürfnissen auseinandersetzt oder konkrete Handlungen und eigene Veränderungen der Haltung und des Handelns „ab Montag“ definiert und z. B. mit Sketchnotes visualisiert.
Mit diesen Ansätzen und Werkzeugen wird erfahrungsorientiertes Lernen in Großgruppen nicht nur möglich, sondern auch nachhaltig und wirkungsvoll.













