Lernen in der Gruppe geschieht da, wo es lebendig wird – EOL in der Seelsorger:innen-Ausbildung

Reinhild Runde

 

Überblick
Das hier beschriebene Trainingstool wurde im Rahmen einer pastoralpsychologischen Ausbildung von Seelsorger:innen durchgeführt. Diese Ausbildung verfolgt das Ziel, die Teilnehmer:innen in ihrer Identitäts- und Kompetenzentwicklung als angehende Seelsorger:innen zu fördern mit der Intention, die Handlungsfähigkeiten der Teilnehmer:innen zu erweitern. Selbstleitung und die Leitung von Gruppen gehören als Grundqualifikationen unbedingt zum seelsorglichen Beruf. Die Ausbildung besteht aus insgesamt sieben Seminaren, die jeweils unterschiedliche Themen fokussieren.
Die Entwicklung der Leitungskompetenz wird ganz besonders in dem im Folgenden beschriebenen Seminar in den Blick genommen. Das Thema dieses Seminars lautet: „Bewusst und couragiert – mich selbst und Gruppen leiten mit der TZI“. Inhaltlich befasst sich das Seminar mit der Themenzentrierten Interaktion (TZI) als einem verblüffend einleuchtenden und professionellen Handlungskonzept, das auf effektives lebendiges Lernen und Arbeiten mit Gruppen abzielt. Die Kunst des Leitens liegt in der Balance zwischen Menschlichkeit und Sachlichkeit. Fach- und Führungskräfte aus Bildung, Sozialwesen und Wirtschaft arbeiten seit über 40 Jahren erfolgreich mit der TZI.

 

Thema: Das Vierfaktorenmodell der TZI – erfahrungsorientiert erlernt
Innerhalb des einwöchigen Seminars hat sich die Ausbildungsgruppe an den ersten beiden Tagen bereits mit dem grundlegenden Menschenbild und dem Wertesystem der TZI befasst und diese in Korrelation zu den eigenen Lebenshaltungen gebracht. Jetzt gilt es, die Methodik der TZI in den Blick zu nehmen. Das dynamische Balancieren von vier Faktoren ist in der TZI-Methodik und für eine lebendige Gruppenarbeit/Teamarbeit grundlegend.
Die vier die Gruppenarbeit bestimmenden Faktoren sind: die Person (ICH), die Gruppeninteraktion (WIR), die Aufgabe (ES) und das Umfeld (GLOBE). Die Anerkennung und Förderung der Gleichgewichtigkeit dieser vier Faktoren im Umfeld ist die Basis der TZI-Gruppenarbeit. Weil die dynamische Balance dieser vier Faktoren zu dem methodischen Herzstück der TZI gehört, ist mir für die Lehre wichtig, das sich die Teilnehmer:innen diesen Inhalt erfahrungsorientiert erarbeiten. Mit dem Tool Balltransport, das in der Ausführung die vier Faktoren ins Schwingen bringt, soll sich ihr Inhalt erschließen.

 

Inszenierung
a. Vorbereitung
Die 16 Teilnehmer:innen sitzen im Stuhlkreis in einem sehr großen Seminarraum. Ein Flipchart ist vorbereitet. Das Tool liegt vorbereitet (jedoch nicht ganz ausgebreitet) in der Mitte des Raums. Für einen erschwerten Verlauf des Balltransports werden nach der Einführung, kurz vor der Durchführung, noch Stellwände, Stühle etc. in den Weg gestellt. Auch ein kleiner Ball, der während der Übung in das Szenario hineinrollen wird, liegt bereit. Diese Erschwernisse holen für die spätere Reflexion den Faktor GLOBE deutlicher in den Blick.

 

b. Durchführung
Ich begrüße die Teilnehmer:innen nach der Mittagspause und leite diese Einheit folgendermaßen ein: „Wir haben uns in den vergangenen Tagen mit der Haltung der TZI befasst. Wie schon angekündigt, werden wir uns in den kommenden Einheiten mit dem methodischen Handwerkszeug beschäftigen. Ein Ziel der TZI ist es, lebendiges Lernen, lebendige Gruppenprozesse zu initiieren. Um das zu ermöglichen, braucht es die Beachtung bestimmter Faktoren. Damit sind wir bei dem, was Sie hier in der Mitte sehen. Ich möchte Sie gerne zu einer kleinen Übung herausfordern, mit der Sie sich diese Faktoren erarbeiten. Haben Sie Lust?“
Die Neugierde ist geweckt, die Lust auf Aktivität angeregt und der Sinn erschlossen: „Gut, Ihr Job ist es nun, diesen Ball von einem Punkt A zu einem Punkt B zu transportieren, ohne dass er herunterfällt. Stellen Sie sich vor, dieser Ball steht für das intendierte lebendige Lernen oder für lebendige Gruppenarbeit. Und Ihr Ziel ist, diese lebendige Gruppenarbeit von Beginn (also Punkt A) bis zum Ende (Punkt B) einer Gruppenstunde aufrechtzuerhalten. Ich gehe mal davon aus, dass Sie das gerne wollen. Mal schauen, was dazu notwendig ist. Nehmen Sie sich gerne jeweils eine Schnur und schon kann es losgehen.“
Ich erkläre ein paar Regeln: Schnüre gestrafft halten. Punkt A und B markieren. Punkt B liegt außerhalb des Raums. Dadurch erhöht sich der Schwierigkeitsgrad. Wenn der Ball herunterfällt von vorn anfangen usw.
Von diesem Zeitpunkt aus geht es lebendig zur Sache. Die Teilnehmer:innen legen sofort los, was jedoch schon im ersten Angang bewirkt, dass der für das lebendige Lernen stehende Ball droht, aus dem Ring zu fallen.

 

Übertragung in die echte Welt

Elemente im LernprojektElemente in der echten Welt
16 Schnüre jedes einzelne ICH ist beteiligt;
Faktor ICH in der TZI: die Beachtung der einzelnen
Personen mit all dem, was sie mitbringen
Schnüre spannenKommunikation, Interaktion, wechselseitiges Aufeinander-Beziehen,
gemeinsamer Prozess, gemeinsame Verantwortung;
Faktor WIR in der TZI: die Aufmerksamkeit auf den
gruppendynamischen Prozess und die Interaktion im Hinblick
auf die Aufgabe entwickelt das WIR
Ball/Der Ring mit dem Balldie Aufgabe, deretwegen eine Gruppe zusammenkommt,
mit der sich die Gruppe beschäftigt.
Faktor ES in der TZI
Der Raum, die Bedingungen des Raums, Stellwände, Tür, hereinrollender Balldie unmittelbaren und erweiterten Umfeldfaktoren wie der Raum,
Kälte, Wärme, Licht, Größe, Zeit bis hin zu Einflüssen von außen
(familiäre, politische, gesellschaftliche Aspekte);
Faktor GLOBE in der TZI: Die Umfeldfaktoren haben Einfluss auf
das Geschehen im Hier und Jetzt. In diesem Fall demonstriert durch die Stellwände, Ball, Tür etc.
Teilnehmer:innenSpiegelbild der Gesellschaft

 

Die Gruppe bewältigt in guter Weise diese brenzliche Situation. Spannend wird es sein, diesen Aspekt später zu reflektieren. Die Teilnehmer:innen bemerken auch, dass ich nun Hindernisse in den Weg stelle. Das erhöht jedoch ihre Energie und ihren Ehrgeiz, die Aufgabe erfolgreich zu bewältigen. Auch der Durchgang durch die Tür weckt leidenschaftlichen Tatendrang und Ehrgeiz. Wie zu erwarten, ist der Jubel groß, als die Kursteilnehmer:innen die Aufgabe erfolgreich geschafft haben. Der Gesichtsausdruck kann gedeutet werden als Zufriedenheit und Stolz.

 

Reflexion
Die anschließende Reflexion fokussierte in einem ersten Schritt das Erleben innerhalb der Übung. Hierzu kamen die Teilnehmer:innen zunächst in ‚Murmelgruppen‘ innerhalb des Plenum zusammen. Folgende Fragen waren in diesen Gesprächen leitend:
• Wie haben Sie die Durchführung Ihrer Aufgabe erlebt? Was haben Sie empfunden, gedacht?
• Wie haben Sie Ihre Zusammenarbeit erlebt?
• Nach einem ersten regen Austausch bat ich die Teilnehmer:innen, sich weiteren Fragen zu widmen:
• Welche Faktoren haben dazu beigetragen, dass Sie die Aufgabe, das „lebendige Lernen“ vom Startpunkt A bis zum Zielpunkt B zu transportieren, erfolgreich lösen konnten?
• Von welchen Faktoren waren Sie ferner beeinflusst?

Zu diesen beiden Fragestellungen sollten die Faktoren jeweils einzeln auf ein Papier geschrieben werden, um sie anschließend im Plenum (zunächst nicht geclustert) zu sammeln. Eine Fülle an Stichworten und Aspekten sammelte sich in der Mitte.
Im Anschluss stellte ich die vier Faktoren als Planungs-, Steuerungs- und Analyseinstrument vor. Dabei erhielten die Teilnehmer:innen den Auftrag, sich detailliert in vier Kleingruppen mit jeweils einem der vier Faktoren der TZI per Textlektüre zu beschäftigen und hierzu eine Präsentation für das Plenum zu erarbeiten und anschließend vorzustellen.
Nach erfolgreicher Präsentation der Faktoren im Plenum konnten die gesammelten Faktoren aus der Übung – die noch in der Mitte auf dem Boden lagen – den vier Faktoren zugeordnet werden. So konnten Erfahrung und Theorie in Korrelation gebracht werden.
Im Anschluss an diese Arbeitseinheit habe ich mithilfe des „Balancebretts“ (SysTeam®) die mit den vier Faktoren verknüpfte dynamische Balance veranschaulicht. Danach war es den Teilnehmer:innen möglich, in Einzel- und Kleingruppenarbeiten das aktuell Erlebte, Gehörte und theoretisch Erarbeitete auf ihre eigene Praxis zu übertragen:
• Welcher Faktor könnte in meiner Gruppe gestärkt werden?
• Wie sieht’s mit der dynamischen Balance aus?
• Was sind meine nächsten Impulse in bzw. mit dieser Gruppe

 

Fazit
Das Feedback der Teilnehmer:innen spricht für sich: „Mir hat das gerade riesig Spaß gemacht!“, „Ich hatte schon viel gehört von ICH, WIR, ES und GLOBE. Jetzt hab ich’s kapiert“, „Wir sollten öfter so was machen. Dann kann ich’s besser behalten“, „Ich hab eine Idee bekommen, weswegen es in meiner Jugendgruppenleiterrunde gerade so schwierig ist“.
Mir selbst ist die Arbeit mit erfahrungsorientierten Methoden in meiner Lehre sehr wichtig geworden, weil ich mit ihnen Lernszenarien gestalten kann, die nachhaltig wirken. Diese Nachhaltigkeit stellt sich durch die ganzheitliche körperliche, emotionale und kognitive Beteiligung im Lernprozess ein. Insofern haben schon viele Tools in meiner Lehre ihren Platz gefunden.

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Tags: Balltransport, Führung, Leadership, Leitung, Seelsorger:in, Team, Teamentwicklung, TZI

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