Jede:r ist wichtig – Im Praxisteam gelingend kommunizieren und kooperieren

Dr. Andreas Abt

 

Überblick
In meinen Trainings und Maßnahmen arbeite ich vorrangig mit dem Einsatz handlungsorientierter Methoden, da diese die meist unbewussten Kommunikations- und Verhaltensmuster in Gruppen und Teams sichtbar und dadurch weiterentwickelbar werden lassen. Um im Sinne des Kohärenzgefühls der Salutogenese die Verstehbarkeit und die Handhabbarkeit zu fördern, nutze ich handlungsorientierte Übungen, um Wissensaspekte z. B. aus der Kommunikationstheorie und/oder der Gruppendynamik erlebbar werden zu lassen und auf diese Weise ein ganzheitliches Verstehen zu ermöglichen.
In einem eintägigen Workshop mit einem 20-köpfigen Team einer Zahnarztpraxis galt es, deren Zusammenarbeit und Kommunikation weiterzuentwickeln. Dabei lag der Fokus vor allem auf dem Verlauf und der Gestaltung der Teambesprechungen. Das Praxisteam besitzt eine heterogene Alters- und Berufserfahrungsstruktur: Neben erfahrenen und langjährig zugehörigen Mitarbeiter:innen gibt es zahlreiche junge Teammitglieder mit unterschiedlichen Berufserfahrungen. Das Praxisteam hat in der Vergangenheit bereits regelmäßig Teammaßnahmen durchgeführt. Bei der im Vorfeld von mir erhobenen Klärung der Erwartungen wurde u. a. das Thema Kommunikation im Team benannt.

 

Thema
Durch den Einsatz handlungsorientierter Methoden werden häufig unterschiedliche Themen und Spannungen eines Teams ins Bewusstsein gebracht. Neben geplanten Aspekten zeigen sich dabei immer wieder auch unvorhergesehene Aspekte. Ich nutze diese Methoden auch, um entsprechend der Zielsetzung und dem Vorwissen der Teilnehmer:innen Reflexions- und Handlungsmodelle z. B. der Kommunikation ganzheitlich erlebbar zu machen und daraus Konsequenzen für eine gelingende Gesprächsführung im Teamalltag abzuleiten und zu erproben.
Darüber hinaus erlebe ich es für die Gruppenmitglieder gewinnbringend, den Prozess der Aufgabenbewältigung bewusst zu machen und die individuellen wie kollektiven Muster und Dynamiken des Teamalltags (wieder) zu erkennen. Gibt es eine strukturierte Vorgehensweise oder ist der Prozess eher chaotisch? Werden im Vorfeld Vereinbarungen getroffen, die dann in der Übung auch umgesetzt werden? Welche Rollen gibt es im Team, wie werden diese vom Team akzeptiert und von den Mitgliedern gelebt? Welche Beteiligung am Lösungsprozess zeigt sich und wie werden Entscheidungen getroffen?

 

Inszenierung
a. Vorbereitung
Da es in der Praxis doch immer wieder vorkommt, dass absichtlich oder unabsichtlich Blicke auf die Bilder der Nachbar:innen geworfen werden, sortiere ich die Bildkarten so, dass nebeneinander sitzende Personen ganz unterschiedliche Sequenzbildausschnitte haben. Nach der Einführung und der Benennung der Spielregeln wird jedem Teammitglied eine Bildkarte ausgehändigt. Wenn alle Fragen geklärt sind, beginnt die Übung und ich gehe in die Beobachterrolle.

 

b. Durchführung
Wir Menschen sind begrenzte Wesen und können die Wirklichkeit nur sehr eingeschränkt wahrnehmen. Durch Austauschprozesse, die von einer wertschätzenden Grundhaltung getragen sein sollten, können sich innere Landkarten bzw. Bezugsrahmen erweitern und entsprechend beginnt die Wahrheit eines Teams mit vielen bzw. allen. Bei der Übung RealityCheck hat jedes Gruppenmitglied einen Teil der Gesamtgeschichte bzw. der Gesamtwahrheit in Form eines Bildausschnitts. Die Aufgabe besteht darin, über den gemeinsamen Austausch diese Gesamtheit bzw. umfassendere Wahrheit zu entdecken.
Ich lade die Gruppe mit folgenden Worten in die Übung ein: „Stellen Sie sich vor, jede:r von Ihnen hat einen Teil der Wahrheit eines Gesamtbilds. Es ist ganz alltäglich, dass jede:r von Ihnen Sachverhalte und Gegebenheiten in Ihrem Praxisalltag ganz unterschiedlich wahrnimmt und ganz unterschiedliche Aspekte in den Fokus nimmt. Zwischen den Bildkarten gibt es einen Zusammenhang, den Sie herausfinden müssen.
Sie haben nun die Aufgabe, mithilfe von Worten und ohne sich die Bildkarten, die ich gleich austeilen werde, gegenseitig zu zeigen, die gemeinsame Wahrheit, das Gesamtbild, den Zusammenhang zwischen den Bildern aufzuspüren. Wenn Sie glauben, die Lösung gefunden zu haben, legen Sie die Karten mit der Bildseite nach unten entsprechend Ihrer Lösung auf dem Boden ab. Wenn es aktuell keine Fragen von Ihrer Seite gibt, wünsche ich Ihnen viel Erfolg bei der Lösungsfindung.“

 

c. Verlauf
Ohne klare Gesprächsstruktur passiert es häufig, dass eher dominante Teammitglieder die Vorgehensweise festlegen und die eher zurückhaltenden, ruhigen Mitglieder dies so akzeptieren. Im konkreten Fall verabredete die Gruppe zunächst ein Vorgehen, nach dem eine:r nach der:dem anderen das eigene Bild vorstellen sollte. Jedoch geschieht es nicht selten, dass nach den Beschreibungen der ersten Bildkarten die zuvor festgelegte Vorgehensweise ohne gemeinsame Absprache fallen gelassen wird und danach ein eher chaotischer Lösungsfindungsprozess wahrnehmbar ist. Wobei erwähnt werden sollte, dass auch dieser Weg durchaus zum Erfolg führen kann.
Im hier beschriebenen Teamprozess zeigte sich aufgrund der ungleichen Gesprächsbeteiligung, dass die Gruppenmitglieder mit den „Stadtmotiven“ keine Verbindung zu denen mit den „Dschungelbildern“ finden konnten. Wie in handlungsorientierten Übungen nicht selten, hatten auch in diesem Fall gerade die ruhigen und stillen Teammitglieder, die von den „Spielführer:innen“ einerseits nicht eingebunden wurden, aber andererseits auch nicht den Mut fassten, selbst das Wort zu ergreifen, die für die Lösungsfindung bedeutsamen Schnittstellenbilder. D. h. sie hatten das Wissen bzw. die Informationen, die – in Anlehnung an Gregory Bateson – den relevanten Unterschied bei der Lösungsfindung bewirken.
Aufgrund der fehlenden Informationen waren die Teamführer:innen lange Zeit bemüht, im Austausch miteinander und auf der Grundlage von Teilinformationen auf die „richtige“ Lösung zu kommen. Da dies über lange Zeit nicht gelang und weder die Dominanten, noch die Stillen Anstalten machten, den eingeschlagenen Pfad zu verlassen, intervenierte ich. Ich forderte eines der stillen Teammitglieder, dessen Bild ich einsehen konnte, auf, sich am Prozess zu beteiligen: „Ich habe den Eindruck, dass es für die Lösungsfindung hilfreich sein könnte, wenn Sie der Gruppe Ihr Bild beschreiben.“ Mithilfe der Beschreibung stellte sich bei vielen ein Aha-Erlebnis ein und die Gruppe fand anschließend schnell die Lösung des Lernprojekts. D. h. die inneren Landkarten der Teilnehmer:innen veränderten sich und gemeinsam konnte nun die korrekte Zoom-Abfolge der Gesamtbilddarstellung gefunden und abgelegt werden.

 

Übertragung in die echte Welt

Elemente im LernprojektElemente in der echten Welt
Gesamtsetting der ÜbungBesprechungssetting des Teams
Einzelne Bildkartennformationsausschnitt bzw. Einzelinformation (individueller Blick auf die Wirklichkeit)
GesamtbildersequenzGesamtbild, das aus den unterschiedlichen Informationen
entsteht (gemeinsamer, geteilter Blick auf die Wirklichkeit)
LösungsprozessGesprächskultur des Teams
(Bedeutsamkeit jedes:jeder Einzelnen)

 

Reflexion
In der anschließenden Auswertung legte ich auf der Grundlage der gemachten Erfahrungen den Fokus auf das Thema Besprechungsstruktur. Den Teammitgliedern wurde anschaulich, dass es für den Erfolg und die Zufriedenheit der Gruppe bedeutsam ist, dass jede:r die Gelegenheit besitzt, ihre:seine Sichtweise einbringen zu können und es hierzu hilfreich ist, entsprechende Strukturen bei den Teambesprechungen zu etablieren. Den dominanten Teammitgliedern wurde bewusst, wie wichtig es ist, allen Teammitgliedern Gesprächsräume anzubieten, um auch deren Sichtweisen und Erfahrungen für den Teamerfolg zu nutzen. Die Ruhigen und Stillen erkannten, dass ihre Sicht der Dinge für den Teamerfolg von Bedeutung ist.
Durch die Übungserfahrung und deren Auswertung konnten zudem bei den stillen Teammitgliedern im Sinne António Damásios somatische Marker ausgelöst werden, die für ihre persönliche Entwicklung wichtige tiefgreifende Impulse zu mehr Selbstvertrauen und zur nachhaltigen Überwindung ihrer Passivität und falsch verstandenen Zurückhaltung entscheidend sind. Die Praxisleitung schließlich erhielt die notwendigen Anregungen für die bewusste Gestaltung der Praxisteambesprechungen und der Etablierung von Strukturen und Ritualen.

 

Fazit
Dass wir uns als Menschen unterhalten können, ist Segen und Fluch zugleich. Und auch unser Verhältnis zu Gruppen ist durchaus ambivalent: Durch die Kooperation von Gruppen können wir mehr erreichen und zugleich fordert uns die Zusammenarbeit in ihnen heraus. Die Gestaltung gelingender Meetings und Besprechungen sind ein Dreh- und Angelpunkt für die Erfahrung von Selbstwirksamkeit, für die Erlangung von Arbeitszufriedenheit und den Erhalt von Gesundheit. Nicht immer, aber doch sehr häufig trägt der gelingende Einsatz und die professionelle Gestaltung handlungsorientierter Methoden wie in diesem Fall zu tiefgreifenden Erkenntnissen und nachhaltigen Entwicklungsimpulsen für die Einzelnen wie für das Team insgesamt und die Leitung bei.

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Tags: Besprechungskultur, Kommunikation, Kooperation, RealityCheck, Team

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