Fliegen Sie los – Crew Resource Management Training, Teil 2*

Annette Schmidt

 

Überblick
Das Crew Resource Management (CRM) Training ist fester Bestandteil des Sicherheitstrainings für Flugzeugbesatzungen und wird jährlich bei über 2.800 Teilnehmer:innen durch die Abteilung Human Factors Training der Condor Flugdienste GmbH durchgeführt. Dabei kommen die Teilnehmenden aus Cockpit und Kabine, die Trainer:innen sind selbst fliegerisch tätig und haben einen entsprechenden Erfahrungsbackground. Das Training besteht aus drei Tagen mit unterschiedlichen Schwerpunkten: 1. Tag: Erste-Hilfe-Training, 2. Tag: CRM- und Security-Training, 3. Tag: Sicherheitsverfahren.
Der Einsatz der METALOG training tools erfolgt im CRM-Teil am zweiten Tag. Hier steht das Kennenlernen der Sicherheitskultur an Bord bei Condor im Fokus und spielt in alle Bereiche hinein. An jedem Training nehmen zwischen 15 und 20 Personen teil.

 

Thema: Umsetzen von vorgegebenen Verfahrensweisen
Ziel des zweiten Trainingstags ist die sichere Durchführung eines Flugs mit zu einer bis zu elf Personen starken Besatzung. Für schnelles Handeln in komplexen und zeitkritischen Situationen sind ein gemeinsames mentales Bild und einheitliches Handeln absolut notwendig. Schwerpunkt des diesjährigen Trainingszyklus war daher, die Kolleg:innen für den Perspektivwechsel in einem großen Team zu sensibilisieren.
Mit der im Folgenden beschriebenen Übung mit dem Tool Complexity wird gegen Ende des zweiten Trainingstags das sinnhafte Umsetzen von vorgegebenen Verfahrensweisen erlebbar gemacht. Die Übung habe ich „Fliegen Sie los“ genannt. Sie eignet sich insbesondere als Abschlussübung und Bindeglied zum Training von Sicherheitsverfahren am dritten Tag, weil der fliegerische Alltag 1 : 1 widergespiegelt wird. Wirkungsvoll wird die Gruppendynamik einer Crew aufgezeigt, wenn es darum geht, eine komplexe Aufgabe zu bewerkstelligen, für die es kein eindeutiges Verfahren gibt. Zeit ist dabei der wesentliche Faktor.

 

Inszenierung
a. Vorbereitung
Ich habe einen separaten Raum mit dem Seil und den Plastikplättchen so vorbereitet, dass ein sicherer Rahmen für unser Verfahren gegeben ist. Die Teilnehmenden können die Vorbereitung nicht sehen.

 

b. Durchführung
Ich informiere die Gruppe, wie im fliegerischen Alltag üblich, kurzfristig und schriftlich über die Eckdaten des bevorstehenden Flugs bzw. über die bevorstehende Aufgabe. Ich verwende hierfür bereits vorbereitete Flipcharts. Dabei zeigt sich sehr schnell, dass jede:r Teilnehmende die Aufgabe und Vorgaben etwas anders interpretiert. Es stellt sich deutlich heraus, wer lieber mehr Informationen hätte, um agieren zu können, und wer die Regeln anpasst, um zum Erfolg zu kommen. Die interessante Frage, die sich für mich als Trainerin dabei rasch stellt, ist: „Wie viele Regeln brauchen wir in unserem Arbeitsumfeld?“

 

Übertragung in die echte Welt

Elemente im LernprojektElemente in der echten Welt
Kurzfristige schriftliche, nicht ganz eindeutige Aufgabenstellungim Flugalltag erfolgt der Informationsfluss häufig schriftlich und
kurzfristig – und es gibt häufig keine Gelegenheit für klärende
Rückfragen
Übung wird in einem für die
Teilnehmer:innen nicht einsehbaren Raum aufgebaut
fehlender (Sicht-)Kontakt zu anderen Beteiligten
der Flugabwicklung
Plastikplättcheneinzelne abzuarbeitende Aufgaben, die für die erfolgreiche
Abwicklung aller Prozesse eines Flugs erforderlich sind
SeilRahmen, innerhalb dessen sich alle bewegen:
Der Flug muss optimal erfolgen
Zeitist für die genau zu koordinierenden einzelnen Abfolgen
der Prozesse der gemeinsame kritische Faktor

 

Reflexion
Die Gruppe hat folgende Aspekte für das Gelingen der Aufgabe herausgearbeitet und auf einem Flipchart gesammelt:
• Unterschiedlichkeiten akzeptieren
• Wahrnehmungsfallen erkennen
• Unterschiedliche Kommunikationsstile sind vertreten
• Situative Aufmerksamkeit ist von allen Beteiligten erforderlich
• Alle haben einen wichtigen Anteil an der Entscheidungsfindung
• Konfliktmanagement ist erforderlich
• Führungsverhalten soll die Wichtigkeit aller Beteiligten („wir“ vs. „ich“) berücksichtigt
• Erkenntnis, wie schnell Routine entsteht
• Erfolg, die Aufgabe trotz Zeitdrucks zu bewältigen, untermauert die Sinnhaftigkeit des Regelwerks

Diese Aspekte bilden zusammen mit der vorangestellten Übung mit dem Tool RealityCheck am zweiten Trainingstag die Gesamtheit der Themen ab, die vom Bundesluftfahrtamt als wichtige Faktoren für eine sichere Flugdurchführung definiert werden.

 

Fazit
Gerade die Kombination mit dem vorangehenden Einsatz des Tools RealityCheck macht die Übung mit Complexity so effizient, da sich die Tools hervorragend ergänzen. Die Wirkung war so nachhaltig, dass auch am Folgetag in den Trainings zum Sicherheitsverfahren immer wieder auf die beiden Übungen Bezug genommen wurde. Zentrales Element der Reflexion war, dass die Teilnehmenden die Bedeutung jedes:jeder Einzelnen für das Ergebnis wahrgenommen haben, dass ein „wir“ bei „mir“ beginnt, unabhängig von Position und Erfahrung. Aufgrund dieser Erlebnisse nahmen sich dominantere Charaktere zurück und die leiseren Charaktere agierten selbstbewusster.
Beide Tools zusammen bescherten mir als Trainerin ein überwältigendes Feedback der Teilnehmer:innen. Die immer wieder aufkommende Frage, wie viel Verfahrenstreue in einem „High Risk Environment“ notwendig ist, wird durch die Teilnehmenden bei der Durchführung von Complexity selbst beantwortet.
Ich selbst als Trainerin habe am Ende dieses Trainingszyklus erlebt, wie wichtig es ist, die Dynamik der Gruppe zuzulassen und nicht alle Aussagen zu kommentieren.

Das könnte Ihnen auch gefallen
Tags: Agilität, Agility, Complexity, Crew Resource Management, CRM, Perspektivwechsel, Prozessoptimierung, Ressourcen, Sicherheitstraining, Team, Zeitmanagement

Weitere ähnliche Beiträge