Vom Labyrinth zur Lehrerpersönlichkeit 

Lorenz Weiß

Vom Labyrinth zur Lehrerpersönlichkeit 

Wenn Komplexität sichtbar wird 

„Grün. Dann Gelb. Dann Blau. Dann Gelb! Nein, das kann nicht stimmen.“ Bereits in der ersten Spielvariante zeigt sich ein typisches Muster: Anfangs versuchen einzelne Junglehrkräfte, möglichst viele Informationen selbst zu verarbeiten. Mit zunehmender Komplexität stößt diese Strategie an ihre Grenzen. Erfolgreiche Gruppen verändern deshalb ihr Vorgehen. Sie verteilen Aufgaben, entwickeln gemeinsame Sprachregelungen und überprüfen ihre Entscheidungen fortlaufend. Führung entsteht dabei nicht aufgrund einer formalen Rolle, sondern weil einzelne Personen situativ Verantwortung übernehmen. 

Zu Beginn richtet sich der Blick vieler Teilnehmender fast ausschließlich auf das Spielfeld. Später wenden sich die Gruppen einander zu. Es wird erklärt, skizziert, nachgefragt und korrigiert. Nicht das Material verändert sich – sondern die Qualität der Zusammenarbeit. 

 

 

Die Reflexion erzählt die eigentliche Geschichte 

Die Aussagen der Teilnehmenden greifen diese Beobachtungen auf. „Ich bin nie alleine.“ – „Jede Stärke braucht Raum.“ – „Alles allein zu lösen ist in der Realität nicht möglich.“ Diese kurzen Sätze beschreiben präzise, was während des Spiels geschieht. Sie markieren den Übergang von individueller Problemlösung hin zu geteilter Verantwortung. 

Bemerkenswert ist, dass viele Gruppen in der Reflexion nicht zuerst über den gefundenen Weg sprechen, sondern über den Weg dorthin. Sie reflektieren Rollen, Kommunikationsmuster und Entscheidungsprozesse. Damit verschiebt sich die Aufmerksamkeit von der Aufgabe auf das gemeinsame Lernen. Genau dieser Perspektivwechsel macht den Transfer in Schule und Führungspraxis möglich. 

Corridor of Colors als Erfahrungsraum für Positive Leadership, Kooperation und professionelle Entwicklung 

Führung entsteht im Prozess 

In der zweiten Spielphase verändert sich die Dynamik spürbar. Die Aufgabe bleibt dieselbe, die Bedingungen jedoch nicht. Informationen sind nun auf mehrere Teilgruppen verteilt. Lagepläne, Symbolkarten und Beobachtungen ergeben erst dann ein stimmiges Gesamtbild, wenn sie miteinander verbunden werden. Auffällig ist, dass die Gruppen den Wendepunkt selten dann erreichen, wenn eine Person die Führung übernimmt. Entscheidend wird vielmehr der Moment, in dem Führung zwischen verschiedenen Personen wechselt. Mal strukturiert jemand die Informationen, kurz darauf übernimmt eine andere Person das Nachfragen oder das Zusammenführen der Hinweise. Führung zeigt sich hier als gemeinsamer Prozess. 

Positive Leadership in Aktion 

Diese Beobachtungen lassen sich mit den Grundgedanken des Positiven Leadership verbinden. Köhler und Weiß (2025) beschreiben Führung nicht als Ausübung von Kontrolle, sondern als Gestaltung von Bedingungen, unter denen Menschen ihre Stärken einbringen können. Genau dies wird im Labyrinth sichtbar. Teams kommen schneller voran, wenn unterschiedliche Kompetenzen bewusst genutzt werden. Mehrfach hielten Teilnehmende auf ihren Reflexionskarten fest: „Jede Stärke braucht Raum.“ oder „Nicht jeder Schritt muss von mir gedacht werden.“ Die Aussagen zeigen, dass Vertrauen und geteilte Verantwortung keine abstrakten Leitbilder bleiben, sondern unmittelbar erlebt werden. 

Psychologische Sicherheit 

Ein weiterer Aspekt wird während der Auswertung besonders deutlich. Erfolgreiche Gruppen sprechen Unsicherheiten früh an. Sie korrigieren sich gegenseitig, ohne Schuldige zu suchen. Amy Edmondson bezeichnet dieses Klima als psychologische Sicherheit. Menschen äußern Ideen, stellen Fragen und benennen Irrtümer, weil sie keine negativen Konsequenzen befürchten. Im Corridor of Colors lässt sich dieses Prinzip beobachten, wenn Teilnehmende einen vermeintlich sicheren Lösungsweg noch einmal infrage stellen und dadurch Fehler vermeiden. Die Gruppe gewinnt nicht trotz dieser offenen Kommunikation, sondern gerade wegen ihr. Diese Phänomene in einem vermeintlich einfach geregelten Spiel sichtbar und erlebbar werden zu lassen ist eine der großen Entwicklungsschritte als Individuum, aber auch als einzelne Person. 

Kollektive Intelligenz statt Einzelwissen 

Bemerkenswert ist, dass keine Gruppe den Weg allein durch besonders kluge Einzelpersonen findet. Erfolgreich sind jene Teams, denen es gelingt, verstreute Informationen sinnvoll zusammenzuführen. Kollektive Intelligenz entsteht dort, wo Beobachtungen geteilt, Hypothesen geprüft und unterschiedliche Sichtweisen zugelassen werden. Das Spiel macht damit ein Prinzip sichtbar, das auch für Schulen gilt: Qualität entsteht häufig an den Schnittstellen zwischen Menschen – nicht in isolierter Expertise. 

Was die Teilnehmenden lernen 

Die Reflexionskarten der Teilnehmenden zeigen wiederkehrende Muster. Besonders häufig wurden folgende Erkenntnisse formuliert: Rollen erleichtern Prozesse, müssen aber flexibel bleiben. Regeln geben Orientierung. Jeder besitzt unterschiedliche Stärken. Niemand erreicht das Ziel alleine. Stille Gruppenmitglieder müssen bewusst aktiviert werden. Rückschritte gehören manchmal zum Lösungsweg. Führung bedeutet auch, Verantwortung abzugeben. Perspektivwechsel eröffnen neue Möglichkeiten. Diese Aussagen beschreiben zentrale Elemente wirksamer Teamarbeit. 

Transfer in die Schule 

Die Erfahrungen lassen sich unmittelbar auf Unterricht übertragen. Gute Klassenführung bedeutet nicht maximale Kontrolle, sondern die Gestaltung lernförderlicher Rahmenbedingungen. Lehrkräfte schaffen Orientierung, aktivieren individuelle Ressourcen und ermöglichen Beteiligung. Unterschiedliche Talente werden bewusst genutzt. Lernende übernehmen Verantwortung füreinander und für gemeinsame Ziele. Gerade heterogene Lerngruppen profitieren davon, wenn Rollen, Verantwortlichkeiten und Kommunikationswege transparent gestaltet werden. 

Viele Lehrkräfte beschreiben ihren Berufsalltag als komplex und nur begrenzt planbar. Unterricht entwickelt sich dynamisch, Situationen verändern sich innerhalb weniger Sekunden und Entscheidungen müssen unter Unsicherheit getroffen werden. Corridor of Colors bildet diese Komplexität nicht nach, macht aber vergleichbare Denk- und Kommunikationsprozesse sichtbar. Deshalb eignet sich das Modul besonders für die Lehrkräfteaus- und fortbildung. Die Teilnehmenden erleben, wie wichtig transparente Kommunikation, flexible Rollen und gegenseitige Unterstützung für professionelles Handeln sind. 

Zitatkasten 

„Ich bin nie alleine.“
„Alles allein zu lösen ist in der Realität nicht möglich.“
„Jeder ist für das Erreichen des Ziels verantwortlich.“

Diese Aussagen beschreiben den Kern des Transfers: Professionelles Handeln entsteht dort, wo Verantwortung geteilt wird. 

Praxisimpulse für die Moderation 

  • Nicht nur nach der Lösung fragen, sondern nach dem Weg dorthin.
    • Sichtbar machen, wann Führung wechselte.
    • Stille Beiträge gezielt würdigen.
    • Fehler als Informationsquelle nutzen.
    • Den Transfer konsequent auf Unterricht, Kollegium und Schulleitung beziehen. 

Moderationsfragen 

  • Welche Information fehlte dir anfangs?
    • Wann hast du deine Meinung geändert?
    • Wer hat dir geholfen, den Überblick zu behalten?
    • Welche Charakterstärken wurden im Team sichtbar?
    • Was bedeutet diese Erfahrung für deine tägliche Arbeit als Lehrkraft oder Führungskraft? 

 

Transfer- und Reflexionskarten 

TRANSFER 1: MEINE KLASSE UND ICH 

Vielfalt erkennen – Stärken nutzen – gemeinsam wachsen 

Auch in meiner Klasse treffen unterschiedliche Persönlichkeiten aufeinander. Gute Klassenführung bedeutet, jedem Kind Raum zu geben und seine Stärken einzubringen. 

REFLEXIONSFRAGEN 

  • Welche Rollen habe ich während der Aufgabe wahrgenommen? 
  • Welche Rollen waren besonders wichtig für den Erfolg? 
  • Welche Stärken wurden sichtbar? 
  • Welche Schülerinnen und Schüler würden in meiner Klasse vermutlich ähnliche Rollen einnehmen? 
  • Wie kann ich auch stille oder zurückhaltende Kinder aktivieren? 
  • Wie gelingt es mir, dass möglichst viele ihre individuellen Stärken einbringen können? 
  • Was sagt die Erfahrung über gelingende Zusammenarbeit in einer Klasse aus? 

TRANSFER 2: MEIN ÜBERGANG IN DIE DRITTE PHASE DER LEHRERBILDUNG 

Sich selbst führen – Ressourcen nutzen – gemeinsam ans Ziel 

Der Übergang in den Berufsalltag ist wie ein Labyrinth: unbekannte Wege, Herausforderungen und Entscheidungen. Wichtig ist, meine Stärken zu kennen und Unterstützung anzunehmen. 

REFLEXIONSFRAGEN 

  • Welche Rolle habe ich in der Aufgabe übernommen? 
  • Welche dieser Stärken möchte ich in meine Berufspraxis mitnehmen? 
  • Welche Stärke wird mir beim Berufseinstieg besonders helfen? 
  • Welche Menschen bilden mein persönliches Unterstützungssystem? 
  • Wann neige ich dazu, alles allein lösen zu wollen? 
  • Was könnte mein persönlicher „Kompass“ für die ersten Jahre im Beruf sein? 
  • Woran werde ich erkennen, dass ich auf einem guten Weg bin? 

HEBELFRAGE ZUM WEITERFÜHLEN 

Wenn mein Weg in die dritte Phase der Lehrerbildung ein Labyrinth wäre: 

Welche meiner Stärken helfen mir dabei, den nächsten Schritt mit Zuversicht zu gehen? 

Der Berufseinstieg gleicht häufig einem Labyrinth. Neue Anforderungen, Zeitdruck und Unsicherheit erzeugen das Gefühl, alles alleine bewältigen zu müssen. Corridor of Colors wirkt diesem Bild entgegen. Die Teilnehmenden erleben, dass Unterstützung kein Zeichen von Schwäche, sondern professioneller Handlungskompetenz ist. Eigene Charakterstärken werden sichtbar, gleichzeitig wächst das Vertrauen in die Ressourcen anderer. Diese Erfahrung stärkt Selbstwirksamkeit und Resilienz. 

 

Abschließend 

Am Ende bleibt nicht nur das Labyrinth in Erinnerung. Im Gedächtnis bleiben die Gespräche, die Suchbewegungen und der Moment, in dem aus einzelnen Hinweisen ein gemeinsames Verständnis entsteht. Genau darin liegt die Stärke von Corridor of Colors. Das Modul zeigt nicht, wie perfekte Teams arbeiten. Es zeigt, wie Zusammenarbeit entsteht – Schritt für Schritt, Gespräch für Gespräch und manchmal auch über einen notwendigen Umweg. Gerade deshalb eignet es sich als wirkungsvoller Erfahrungsraum für Positive Leadership, professionelle Kooperation und eine Klassenführung, die Menschen stärkt, statt sie lediglich zu steuern. 

Literatur 

Köhler, K., & Weiß, L. (2024): Führungskompass für Schulleitungen. 50 Impulskarten für ein positives Miteinander im Kollegium. Weinheim: Beltz.
Köhler, K., & Weiß, L. (2025): Positive Klassenführung. Für mehr Wohlbefinden und Lernerfolg in der Grundschule. Weinheim: Beltz.
 

Autor: Lorenz Weiß ist als Seminarrektor in der Lehrer:innenausbildung tätig. Er ist Trainer für Unterrichtsentwicklung, Lehrbeauftragter an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und Moderator für eine wahrnehmungs- und wertorientierte Schulentwicklung sowie Kursleiter zum:zur Qualifizierten Stärkentrainer:in in der Studienseminarleitung (BeStärCong) – Bereichernde Begleitung und Beratung von LehramtsanfängerInnen, Stärkenorientiertes Führen und Gestalten der Seminararbeit und Coachingtools. 

 

 

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